Jüdische Familien

Aus der Festschrift: 750 Jahre Bromskirchen. 1238 – 1988. S.203-205 
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Bis 1934 war die jüdische Familie Neheimer in Bromskirchen ansässig. Ihr gehörte das Wohnhaus in der Hauptstraße 102 (auch Jiddenhaus genannt), heute Hauptstr. 9. Jacob Neheimer war Manufakturwarenhändler. Im Hause befand sich ein kleiner Laden. Seine Frau Sophie war eine geborene Schönthal. Das Ehepaar hatte zwei Töchter: Anni (geb. 1903) und Hetti (geb. 1905). Im Hause lebte noch die ledige Janette Schönthal. Die Gemeinde erwarb das Haus später käuflich. In den Nachkriegsjahren diente es mehreren ungarndeutschen Familien als Unterkunft. Eine Auskunft über das Schicksal der Familie Neheimer erhielten wir im Jahre 1985 von Frau Sophie H., seit 1911 in Frankfurt (Main) wohnhaft. Sie schreibt in einem Brief:

„Jakob Neheimer war von Neheim-Hüsten mit Wagen und Pferd nach Bromskirchen gekommen und heiratete dort die Sophie Schönthal. Deren Tochter Anni war verheiratet mit einem Abraham und wohnte mit den Eltern zusammen. Die Hetti heiratete einen Herrn Rosenbaum. Sie hatten in Schlüchtern ein Geschäft. Neheimers zogen nach Frankfurt (nach 1933). Dort war die Familie Josef Schönthal, der Bruder der Sophie und der Janette. Hetti wanderte mit ihrer Familie nach Bolivien, La Paz, aus. Ich blieb mit ihr im Briefkontakt. Eine Tochter von ihr mußte zur Zeit der Naziverfolgung beizeiten zu Bekannten nach Belgien gebracht worden sein. Ich besuchte die Neheimers oft in Frankfurt und brachte ihnen Essen in ihren Unterschlupf. Eines Tages wurde das Haus umstellt, und sie wurden alle abgeholt. (1938 ?). Die Sophie Neheimer hat sich vergiftet. Jakob Neheimer schrieb mir einen Brief. So erfuhr ich, daß seine Tochter in Mauthausen vergast worden ist. Von ihrem Mann war nichts zu erfahren. Über Jakob Neheimer habe ich mich nach dem Krieg erkundigt und bekam die kurze Antwort: „Er kam um”.

Die Frage nach der Familie Sontheim kann ich nur soweit beantworten, daß sie im Hause Schönthal (später Neheimer) ihr Wohnrecht hatte. Ich weiß darüber Bescheid, weil meine Mutter Samstags bei ihnen Feuer anmachte; denn fromme Juden durften Samstags (am Schabbes) nicht arbeiten. Da war im Hause auch eine alte Frau Gelle. Ob sie Sontheim geheißen hat, weiß ich nicht”

Es konnte noch in Erfahrung gebracht werden, daß die Hetti im Jahre 1929 geheiratet hat und ihre Auswanderung nach 1934 erfolgte. Eine Enkelin von ihr lebt heute in Gelsenkirchen.

Die Bromskirchener Familien gehörten zur israelitischen Gemeinde Battenfeld, wo eine Synagoge, eine Schule und ein Friedhof vorhanden waren. Aus einer Statistik (Paul Arnsberg — Juden in Hessen) geht hervor, daß im Jahre 1830 in Bromskirchen 25 Juden lebten.

In der Chronik der Stadt Hallenberg (Lachmeyer, 1847) finden wir folgenden Eintrag: Die Israeliten Hallenbergs hatten früher gemeinschaftlich mit den Bromskirchener Israeliten gottesdienstliche Versammlungen in dem Wohnhaus der Familie Halle (nahe dem Obertore). Nach dem Abbruch dieses Hauses beim Chausseebau 1830 wurde der Betsaal (Schule und Synagoge) in die Wohnung des Herz Emanuel Steinberg (im Quartal Eiserhut) verlegt. Da sich die israelitische Gemeinde in Bromskirchen seit einiger Zeit wesentlich vergrößert hat, es aber in Hallenberg an der zu gottesdienstlichen Versammlungen erforderlichen Zahl Israeliten fehlt, so sahen sich letztere genötigt, den Gottesdiensten in Bromskirchen beizuwohnen.

Vom Hause Schönthal bzw. Neheimer weiß man, daß dort ein Zimmer als Betraum eingerichtet war. In einem Schrank stand der „Gründerstab Arons” und die Bundeslade. Zweimal im Jahr versammelten sich dort auch die Hallenberger Juden zum Gottesdienst.

In der Nazi-Zeit warfen verhetzte Jugendliche gelegentlich Flaschen und Steine in die Fenster und auf die Treppe des Hauses Neheimer. Ansonsten sind keine Ausschreitungen bekannt.

In einer Gemeindeakte sind z. B. drei Todesanzeigen notiert.
1. Am 26.09.1802 verstarb der J. Behr, geb. im Okt. 1773. Eltern: Levi Josef, dessen Ehefrau Jütel.
2. Am 7. Juli 1803 verstarb Berle, geb. 1768. Eltern: Hirsch Josef und dessen Ehefrau Gelle.
3. 1815 verstarb Herz Schönthai, 50 Jahre lt. Eltern: Gelle, des Hirsch Josef Wittib (Witwe).

Auf dem jüdischen Friedhof in Battenfeld, Auf der Struth, weisen einige Grabstein-Inschriften auf Verstorbene aus Bromskirchen hin:
Mayer Schönthal, geb. 27. 8. 1819, gest. 20. 11. 1896 (Schwiegervater des Jakob Neheimer).
Levi Sontheim von Bromskirchen, gest. 27. … (jüd. Jahresrechnung) oder gest. am 7. 3. 1879, war 65 Jahre. Friede seiner Asche

Seit 1875 geben die standesamtl. Eintragungen in Bromskirchen Aufschluß über die Familien Schönthal/Neheimer und Sondheim:
Der in Battenfeld beerdigte Meyer Schönthal, ein Metzger und Händler, war der Sohn des Bromsk. Handelsmannes Samuel Schönthal und dessen Ehefrau Sophia, geb. Winterberger. Er heiratete die aus der Freiheit Bödefeld stammende Amalia Maibaum (Eltern: Joseph Maibaum u. Betta, geb. Baruch). Meyer und Amalia hatten mindestens vier Kinder: Joseph (später in Frankfurt verheiratet); Janette (blieb unverheiratet); Lina, die 1901 in Bromskirchen den Witwer Abraham Meyer heiratet, einen Viehhändler aus Großbüllersbach/Rheinbach (Eltern: Michael Meyer und Sara, geb. Löwenbaum) und schließlich Sophie, die 1901 den bereits erwähnten Jacob Neheimer aus Elspe/Krs. Olpe heiratete (Eltern: Isaak Neheimer und Amalia, geb. Stern). Beide Töchter von Jacob und Sophie Neheimer heirateten: die jüngere Hetti 1929 in Bromskirchen den Reisenden Moritz Rosenbaum aus Schlüchtern; Anni, die im Geb.-Reg. Emma Agnes heißt, 1932 in Okriftel den … Abraham.

Das Schicksal der Familien Neheimer ist durch den Brief von Frau H. bekannt. Laut Sonderstandesamt Arolsen ist als Todestag für Jacob Neheimer im KZ Theresienstadt der 27.9.1942 angegeben.

Levi Sondheim aus Bromskirchen, der ebenfalls auf dem Battenfelder jüdischen Friedhof beerdigt liegt, war mit Karoline Schönthal verheiratet, einer Schwester oder Cousine von Meyer Schönthal. Von den Kindern dieses Paares heiratete Bertha Sondheim 1899 in Bromskirchen Gabriel Oppenheim, Lehrer in Treysa (Eltern: Jacob Oppenheim aus Wolferode/Kirchhain und Hanchen, geb Anerhan) Gabriel Oppenheim starb 1922 in Bad Wildungen, seine Witwe mußte alle Schrecken der Verfolgung bis zu ihrem Tode am 15.1.1943 (fast SOjährig) in Theresienstadt erleiden.

Die spärlichen Quellen aus früherer Zeit lassen vermuten, daß Samuel Schönthal und sein Bruder Herz Ende des 18. Jh. den Familiennamen „Schönthal” angenommen haben; denn ihre Eltern heißen noch „Hirsch Joseph und Ehefrau Gelle”, auch die unverheiratete Schwester heißt „Berle” ohne Familiennamen.

Die Familie Hirsch/Schönthal/Neheimer war mindestens fünf Generationen, über 150 Jahre, in Bromskirchen ansässig!

Meyer Schönthal war in seinem Alter leidend. Wurde er nach seinem Befinden gefragt, pflegte er zu sagen: „Haben wir von Gott Gutes empfangen sollten wir das Schlechte nicht auch annehmen?” Er konnte nicht ahnen, welch bitteres Leid spater einmal in der NS-Zeit über das jüdische Volk in Deutschland und in den von Deutschen besetzten Kriegsgebieten hereinbrechen sollte.

Nach Hitlers Machtergreifung wurde durch ständige Propaganda ein auch vorher schon vorhandener Antisemitismus angeheizt: Für alles Böse, für den verlorenen Weltkrieg, Inflation, Zinswucher, Preisverfall und Arbeitslosigkeit wurden nun die Juden verantwortlich gemacht. — Neheimers waren schon nach Frankfurt verzogen, als durch die Nürnberger Gesetze im Jahre 1935 die Juden in Deutschland zu Menschen „zweiter Klasse” degradiert wurden. Die Folgen bekam auch die jüdische Gemeinde in Battenfeld im Jahre 1938 (Reichskristallnacht) zu spüren Dort wurde die Synagoge zerstört. Nur wenige Christen bemühten sich, Glauben, Eigenart und Tradition der Israeliten zu verstehen und anzuerkennen. Nach dem Polenfeldzug 1939 begannen die „Umsiedlungen”. Stolz meldete so manche Verwaltung: „Unser Dorf (Stadt, Kreis) ist judenfrei!” — Wohin sie gebracht wurden, was mit ihnen geschah, darüber wurde wenig nachgedacht. Kamen Gerüchte auf, dann war das „Feindpropaganda”. Die Erkenntnis, daß Juden auch Menschen waren mit liebenswürdigen Eigenschaften, die ihr Gutes und Böses hatten wie jedes andere Volk und jede andere Rasse, kam zu spät.

Reiner Gasse und Wolfgang Sonneborn

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