Ein Gedicht…..

So sind hier die Leute  Franz Josef Degenhardt 

(1968)

He, Fremder mit dem Hinkefuß,
ich bin der Wirt. Kommt, tretet ein.
Ich sah, wie Ihr die Kurve nahmt.
Ihr rutschtet in den Graben `rein.
Ein hübscher Wagen, schnell und rot.
Wir ziehn ihn morgen früh heraus.
Trinkt einen Schnaps vielleicht auch zwei.
Ich rat Euch, bleibt in meinem Haus.
Die sind voll Misstraun hier die Leut,
und haben Hunde scharf gemacht,
die spühren jeden Fremden auf.
Und dies ist eine helle Nacht.
Ihr sagt: Wir leben doch heute!
Ja, gewiss – aber so sind hier die Leute.

Die Leute sind verbittert, weil
die Ernte fault und auch das Geld.
Sie suchen den, der schuldig ist
an all dem Unglück in der Welt.
August, der Schäfer, hat den Mann
im Traum gesehn. Und in der Tat,
derselbe ist´s, der Papst Johann
und Kennedy ermordet hat.
Und der hat einen Hinkefuß
wie Ihr und rotes Haar wie Ihr,
fährt einen Wagen, schnell und rot,
trägt einen Kinnbart so wie Ihr.
Ihr sagt: Wir leben doch heute!
Ja, gewiss – aber so sind hier die Leute.

Hört! Ihre Hunde haben die Spur.
Sie kommen. Werft den Mantel um.
Warum ist Euer Wagen auch
so rot? Das spricht sich schnell herum.
Sie haben ihre Forken mit.
Der Schulze führt den Haufen an.
Der Mond ist voll. Das ist die Zeit,
wo keiner nachts hier schlafen kann.
Geht `raus! Die Flucht hat keinen Zweck,
denkt nur an Euren Hinkefuß.
Und ihre Hunde sind sehr schnell
Nein, Ihr erreicht nicht mehr den Fluß.
Ihr sagt: Wir leben doch heute!
Ja, gewiss – aber so sind hier die Leute.

Sie haben ihn noch eingeholt,
die Uferböschung war zu hoch,
zu hoch für seinen Hinkefuß.
Zu weit – zu hoch. Ich sagt´ es doch.
An einem Telegrafenmast,
da hängt schon morgen früh ein Mann.
Er hängt an einem Hinkefuß,
am andern hängt ein Zettel dran.
Und wenn die Leute morgen früh
zum Hochamt gehen, dann lesen sie:
Hier hängt der, der der Mörder war
von Papst Johann und Kennedy.
Ihr sagt: Wir leben doch heute!
Ja, gewiss – aber so sind hier die Leute.

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